Grosszügigkeit hat eine grosse Kraft, weil sie sich durch Loslassen und Verzicht auszeichnet. Loslassen, verzichten, geben können – diese Fähigkeiten entspringen alle der gleichen Quelle. Wenn wir Grosszügigkeit üben, öffnen wir uns allen befreienden Eigenschaften zugleich. Einerseits bescheren sie uns ein tiefes Verständnis von Freiheit, anderseits sind sie der liebende Ausdruck eben dieser erlebenden Freiheit.
Großzügigkeit ist das Teilen von Materiellem, der eigenen Kraft und guten Gefühlen. Daraus lernen wir eine sehr schöne Form von Freude, ein ungetrübtes Entzücken, das ungehindert fliesst. Jede Art und jedes Mass des Gebens bringen Glück. Wir erleben Freude beim Schenken, und wir erleben Freude in der Erinnerung an das Schenken.
Es gibt viele weltliche Vorteile, die Geben dem Gebenden bescheren. Menschen, die grosszügig sind, werden von anderen geliebt. Dies heisst nicht, dass wir schenken, um beliebt zu sein. Es ist viel mehr ein kosmisches Gesetz, dass wir bekommen, was wir geben.
Zu den Freuden, die Geben schenkt, gehört die Liebe, die wir auch für uns selbst empfinden. Ein Gefühl von Mut, Stärke und Strahlen wächst in uns, wenn wir geben lernen. Es schützt uns in einfachen ebenso wie in schwierigen Situationen. Grosszügige Menschen wecken in uns Offenheit, Liebe und Freude. Andere fühlen sich zu uns hingezogen, und ihr Vertrauen in uns wird sehr stark.
Schenken bringt auch spirituellen Nutzen. Jeder einzelne Akt des Gebens bewirkt sehr viel mehr Gutes, als wir uns vorstellen können. Wesentliche Aspekte des spirituellen Weges äussern sich als Geben: Liebe, Mitgefühl, Mitfreude, Gleichmut. Wenn wir grosszügig sind, verändert sich die Qualität des Lebens spürbar. Wir erkennen, dass wir in einer Welt zahlloser Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten uns und andere wichtig nehmen und das Heilsame wählen. Wir geben, statt festhalten; wir geben auf, statt durchzusetzen; wir lassen los, statt anzuhaften. Die Freude über diese Entscheidung ist die Freude am Guten.
Das Teilen von Nahrung ist eine Metapher für das Geben allgemein. Wenn wir einem Menschen Nahrung anbieten, geben wir ihm nicht nur etwas zu essen; wir geben sehr viel mehr. Wir geben Stärke, Gesundheit, Schönheit, Klarheit des Geistes und sogar Leben, denn dies alles ist ohne Nahrung unmöglich. Geben wir also einander zu essen, schenken wir in Wahrheit das Leben selbst.
Folgender Vorsatz können wir fassen:
Wenn man ein starkes Bedürfnis verspürt, etwas zu verschenken, dann verschenke es – selbst, wenn die nächsten fünfzig Gedanken lauten: «Auf keinen Fall, das geht nicht. Ich brauche es vielleicht noch.» Der Vorsatz lautet, dem ersten Impuls zu folgen und zu geben, selbst wenn Angst oder andere Überlegungen auftauchen sollten.
Ergründe die Natur des Widerstandes!
Quelle:
Metta Meditation von Sharon Salzberg
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